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Frauen & Technologie: Die Geschichte einer Freundschaft

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Technologie – der Begriff kann für manche so aufregend klingen wie ein Zahnarzttermin. Und obwohl Hunderte von Organisationen ehrgeizig versuchen, besonders Frauen für MINT-Themen zu begeistern, halten sich vielen von diesen Themen fern, als wäre es ein heißes Eisen. 

Als ich Ende 2020 einen KI-Workshop mit Schulkindern einer MINT-orientierten Schule leitete, beobachtete ich ein interessantes Verhaltensmuster. Diese Schüler hatten schon in jungen Jahren regelmäßig Programmier- und/oder Physikunterricht. Ich ging daher davon aus, dass diese Kinder alle eine Leidenschaft für Technologie haben. Aber als wir sie baten, ihren Traumberuf aufzuschreiben, wählte die Mehrheit der Mädchen “Malerin“, “Redakteurin“ oder andere klassische kreative Berufe. Während die Jungs gerne Programmierer oder Ingenieur werden wollten. Die Ausnahme war ein einzelnes Mädchen, das Mathematikerin als Karriereziel nannte. Als ich sie fragte warum, sah sie mich ernst an und sagte: Weil es einfach ist.

In diesem Moment begann ich mich zu fragen, ob Frauen und Technologie tatsächlich zusammengehören oder ob wir dies im Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter erzwingen wollen. Wie ich selbst, arbeiten die meisten meiner Freundinnen zwar mit Technologie, aber in kreativen oder traditionell „weiblichen“ Berufen wie Marketing, Personal oder Redaktion. Tech-affine Frauen scheinen seltene Ausnahmen zu sein, wie das Mädchen, das Mathematik als etwas Simples betrachtet. Sind Technologie und Frauen tatsächlich Freunde? Oder natürliche Gegner? Und wenn Letzteres wahr ist, wie können Frauen jemals Bereiche wie KI auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen gestalten? 

 

Wie Maschinen die Gleichstellung der Geschlechter ankurbelten

Eine interessante Antwort auf diese Frage fand ich in einer Netflix-Dokumentation über die US-Verfassung. Es war ein einminütiger Ausschnitt in Episode vier der Miniserie “Amend: The Fight for America is a deep dive into the 14th amendment”, der die Rolle der Frau in den USA vor und während der industriellen Revolution um 1920 erklärte. Die Handlung lautet wie folgt:

Vor der Industrialisierung galten Frauen als Eigentum, als Menschen, die sich nicht schützen konnten. Sie brauchten einen Mann, der sich um sie kümmerte, auch weil sie als klein, zart und schwach dargestellt wurden. Die Arbeit zu dieser Zeit erforderte normalerweise körperliche Kraft – die ausschließlich Männer bereitstellen konnten. Die einzige Option für ein versorgtes Leben für Frauen war also die Ehe.

Dies begann sich in den 1920er Jahren durch Technologie zu ändern. Aufgaben, die zuvor körperliche Stärke erforderten, wurden nun von Maschinen übernommen. Dies ermöglichte es Frauen, in großer Zahl die Arbeitswelt zu erobern. Körperliche Kraft war nicht mehr notwendig, um einen Job und ein Einkommen zu haben. Die Dominanz der Männer wurde zerstört und die industrielle Revolution leitete den Countdown zur Gleichstellung der Geschlechter ein. Gleichzeitig definierte die Frauenrechtsbewegung die Ehe als eine Form der Sklaverei und förderte die Idee, dass Frauen sowohl über ihre eigene Arbeit als auch ihren eigenen Körper bestimmen sollten.

Seitdem ermöglichte jede neue Technologie mehr Frauen, finanziell unabhängig zu werden: das Telefon, die Schreibmaschine, der Computer. Viele der ersten Computeringenieure waren tatsächlich Frauen (z.B. beschrieben im Film „Hidden Figures“). Schließlich ermöglichte die Erfindung der Geburtenkontrolle in den 1980er Jahren Frauen, zu entscheiden, wann und mit wem sie Kinder haben möchten. Dies war ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung. Zusammenfassend beschrieb der Dokumentarfilm Maschinen als ein Werkzeug, das diejenigen, die eine Flucht brauchten, von ihrer Abhängigkeit von Männern befreite.

 

Jahrhundertealte Herausforderungen

Fasziniert von der beschriebenen Geschichte, begann ich, Technologie als Freund von Frauen und Gleichstellung zu sehen. Recherchen zur industriellen Revolution und zu Frauenbewegungen in den USA oder in Europa lieferten mir weitere Erkenntnisse: über den Kapitalismus, unmenschliche Arbeitsbedingungen und inspirierende Menschen wie Clara Zetkin oder Betty Friedan. 

Noch ein Thema kam mir überraschend bekannt vor: Lohnunterschiede. Nennt mich naiv, aber es war fast schockierend zu erkennen, wie alt diese Diskussion ist. Kämpfen wir wirklich für gleiches Entgelt, seit Frauen anfänglich in die Arbeitswelt eingetreten sind – mehr als 100 Jahre später? Benehmen wir uns immer noch wie unsere Vorfahren? Wie kann das wahr sein? Und wenn bestimmte Technologiebereiche einst von Frauen dominiert wurden – warum ist heute die Mehrheit der Tech-Belegschaft männlich? 

 

Der verheerende Einfluss eines voreingenommenen Umfelds

Als ich ein Mädchen war, meldete ich mich für einen Informatikkurs an. Ich interessierte mich für Computer, die zu dieser Zeit in deutschen Wohnzimmern relativ neu waren. Leider war ich in dem Kurs nicht sehr erfolgreich. Als mein Lehrer mich über meine Abschlussnote informierte, gab er mir einen Ausdruck, der eine Comic-Zeichnung mit dem Titel „Das weibliche Gehirn“ zeigte. In seiner Mitte befand sich ein großes Gebiet namens „Mode und Schuhe“ und andere Regionen umgaben es mit stereotypen weiblichen Verhaltensweisen wie dem „Kopfschmerzgenerator“. Seine Botschaft schien klar zu sein: Du bist eine Frau. Du kannst Informatik nicht verstehen. Ich dachte, dass er wahrscheinlich Recht hatte. Infolgedessen hielt ich mich viele Jahre lang von der Technologie fern. Stattdessen konzentrierte ich mich auf „klassische weibliche Stärken“ – Kreativität, Kunst und Schreiben.

Es gibt mehrere Studien, die darauf hinweisen, dass Vorurteile – wie die meines Lehrers – einer der Gründe für das Versagen von Frauen in einem themenverwandten Bereich sind: Mathematik. Eine Studie aus dem Jahr 2014 ergab, dass „geschlechtsspezifische Faktoren einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Mathematik durch Schüler haben“. In einem Bericht aus dem Jahr 2021 heißt es, dass „das Unterschätzen von Mädchen die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Mathematik erhöht“. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt: „Jungen schreiben sich mehr mathematische Fähigkeiten zu als Mädchen – in einem Ausmaß, das durch die tatsächlichen Schulnoten nicht gerechtfertigt ist.“ Die Forscher bewerteten repräsentative Daten für Deutschland aus der National Educational Panel Study (NEPS) und kamen zu dem Schluss: „Die entsprechenden Selbsteinschätzungen von Schulkindern unterscheiden sich bereits in der fünften Klasse erheblich. Die Unterschiede bleiben bis einschließlich der zwölften Klasse weitgehend unverändert. “

 

Als Frauen aufhörten zu programmieren

Dieser Trend setzt sich nach der Schule fort und spiegelt sich beispielsweise im Anteil der Frauen wider, die Informatik studieren. Im Jahr 1984 machten Frauen 40% der Bachelor-Informatik-Majors aus. Heute beträgt die Beteiligung von Studentinnen an Informatik nur noch 20%. Die Gründe dafür sind überraschend und habe wenig mit der Technologie an sich zu tun.

 

Als Frauen aufhörten zu Programmieren

 

In den 80er und 90er Jahren eroberten PCs weltweit die Wohnzimmer. Die Vermarktung richtet sich dabei an eine ganz bestimmte Zielgruppe und kommunizierte Computer als Spielzeug für Jungen. PC-Werbung aus dieser Zeit belegt die Strategie eindrucksvoll, zeigt sie doch hauptsächlich Männer. Die Botschaft war so einprägsam, dass sie eine lang anhaltende Idee definierte, für wen die diese Art von Technologie wirklich war: männliche Geeks und Technikfreaks.

In einer Studie aus den 90er Jahren interviewte die Forscherin Jane Margolis Hunderte von Informatikstudenten an der Amerikanischen Carnegie Mellon University. Sie stellte fest, dass „Familien Computer viel häufiger für Jungen als für Mädchen kaufen – selbst wenn ihre Mädchen wirklich an Computern interessiert sind“. Weitere Untersuchungen in den 1990er Jahren ergaben, dass Mädchen nicht Mathematik oder Naturwissenschaften studieren, weil sie möglicherweise nicht so gut abschneiden würden wie Jungen. 

Heute ist das geschlechtsspezifisches Marketing der 80er und 90er Jahre nicht mehr der einzige Grund für den Mangel an Frauen im MINT Bereich. Die australische Akademie der Wissenschaften stellte im Juni 2020 fest, dass Frauen in Mathematik und Naturwissenschaften zwar die gleichen oder höhere Leistungen erbringen wie Männer, ihre geisteswissenschaftlichen Leistungen jedoch deutlich besser sind. Daher tendieren sie dazu, eine Karriere in diesen Bereichen zu wählen.

Aktuell sind 25% der im technischen Bereich tätigen Fachkräfte Frauen, Tendenz wieder steigend. Doch was hat diese positive Veränderung verursacht?

 

Ist KI die beste Freundin einer Frau?

Der wachsende Einfluss der künstlichen Intelligenz ab 2010 löste neue Aufregung und Hype um Technologien aus und beeinflusste eine Generation von Fachkräften. Grundlegende Veränderungen in Wissenschaft, Technologie, Transport, Unterhaltung oder Automatisierung haben unser Leben und unsere Arbeitsweise für immer verändert. Wir befinden uns mitten in einer neuen industriellen Revolution.

KI verspricht, unser Leben einfacher und bequemer zu machen. Algorithmen finden und liefern die besten Filme auf Netflix und Songs auf Spotify für uns. Intelligente Assistenten ermöglichen es, via Sprachbefehl durch das Internet oder unser Telefon zu navigieren. Lustige Filter auf Instagram oder Zoom erkennen unsere Gesichter und lassen uns jeden Tag perfekt aussehen. Intelligente Maschinen übernehmen nervige, sich wiederholende Aufgaben und ermöglichen es, dass wir uns auf kreativere oder fortgeschrittenere Herausforderungen konzentrieren können

 

Jeder Fehler birgt eine Chance in sich

KI hat auch einige Nachteile. Die erste Gefahr liegt in den Daten, die zum Trainieren von Algorithmen und Deep-Learning-Modellen verwendet werden. Mangelnde Vielfalt oder historische Verzerrungen in diesen Datensätzen können zu lebensverändernden Fehlern führen: Menschen mit dunkler Haut werden von selbstfahrenden Autos nicht identifiziert, Bewerberinnen wurden in automatisierten Rekrutierungsprozessen diskriminiert, Verdächtige wurden vor Gericht ungerecht beurteilt und exzellente Lehrer verloren ihre Arbeit aufgrund automatisierter Bewertungssysteme – um nur einige Beispiele zu nennen.

Vorfälle wie diese führten zu einem Diskurs über Themen, die sonst möglicherweise nicht in gleichem Maße diskutiert worden wären. Genau wie in den 1920er Jahren wurde die Frauenbewegung parallel zur Tech-Revolution stärker und lauter. Die Zahl der neu gegründeten Organisationen, die Frauen in der KI Industrie unterstützen, stieg sprunghaft an, und das Suchvolumen nach etablierten Organisationen wie “Women in Tech” wuchs kontinuierlich. Expertinnen wie Joy Boulamwini, beschlossen ihr Leben dem Kampf gegen algorithmische Vorurteile zu widmen. Der vermehrte Einsatz von KI half dabei, bestehende Probleme zu identifizieren und deren Ausmaß zu verstehen. Was dazu führte, dass wir diese vermehrt angehen und bekämpfen. Dies beweist, dass jeder Fehler auch eine Chance beinhaltet.

 

20 Prozent der berufstätigen Frauen (107 Millionen) könnten ihren Arbeitsplatz durch Automatisierung verlieren

Wie sieht es mit einer weiteren großen Bedrohung durch KI aus: dem Verlust von Arbeitsplätzen aufgrund von Automatisierung? Laut McKinsey könnten „durchschnittlich 20 Prozent der berufstätigen Frauen (107 Millionen) ihren Arbeitsplatz durch Automatisierung verlieren, gegenüber 21 Prozent der Männer (163 Millionen) bis 2030. Die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften könnte 20 Prozent mehr Arbeitsplätze für Frauen bedeuten als im Vergleich zu 19 Prozent für Männer, vorausgesetzt, ihre Anteile an Sektoren und Berufen halten. Es werden auch völlig neue Berufe geschaffen, aber ungefähr 60 Prozent der neuen US-Berufe waren in von Männern dominierten Bereichen. “

Quelle: McKinsey

Einzelhandel und der Kundenservice gehören zu den am stärksten bedrohten Berufen. Beide Bereiche werden von Frauen dominiert, insbesondere auf operativer und unterer Führungsebene. Laut Gartner werden bis 2020 85% der Kundendienstinteraktionen automatisiert sein. Alle betroffenen ArbeitnehmerInnen müssen sich weiterbilden und in eine andere Rolle wechseln, um weiterhin beschäftigt zu bleiben. Zum Aufbau, Testen, Trainieren und Betreiben der neuen Automatisierungstechnologie sind talentierte und erfahrene MitarbeiterInnen erforderlich. Tatsächlich ermutigte der Hype um KI bereits Millionen von Menschen, ihr Wissen über Codierung, Mathematik und maschinelles Lernen zu erweitern.

 

Jobübergänge erfolgreich navigieren

Das Navigieren solcher Karriere-Übergänge könnte insbesondere Frauen auf den Weg zu einer produktiveren und besser bezahlten Arbeit bringen. Denn ss wird erwartet, dass sich die meisten dieser neuen Rollen auf Technologie- und MINT-Themen beziehen. Um Sheryl Sandberg, COO bei Facebook, zu zitieren: Frauen müssen in diese neuen Technologien “eintauchen“. Technologie ist nur ein Werkzeug und die meisten Plattformen funktinoieren heute ohne Code. Frauen sollten sich nicht von einer wahrgenommenen „Fähigkeitsbarriere“ einschüchtern lassen, wenn sie Wörter wie „KI“ und „Automatisierung“ hören. ArbeitnehmerInnen müssen nicht immer DatenwissenschaftlerInnen werden, um mit intelligenter Software umgehen zu können. Manchmal braucht es nur etwas Mut und Offenheit, um etwas Neues auszuprobieren.

Um Sarah Al-Hussaini, COO bei Kundenservice-Automatisierungs-Anbieter ultimate.ai, zu zitieren.:

„In der Kundendienstbranche stehen wir vor einer enormen Chance – die erste Deep-Tech-Spezialisierung (Konversations-KI) zu schaffen, die von Frauen dominiert wird. Wer könnte die Zukunft der Branche besser gestalten als die Frauen, aus denen die Mehrheit der Belegschaft besteht? “


Wir haben nichts zu verlieren, außer unserer Angst

Ich habe selbst keinen technischen Hintergrund und bin mir bewusst, welche Vorurteile man gegenüber Technologie oder den eigenen Fähigkeiten haben kann. Zu wissen, dass ich nichts zu verlieren hatte, half mir, mehr über KI zu lernen. Obwohl einige Teile schwer zu verstehen waren, konzentrierte ich mich auf die Dinge, die für mich Sinn machten, und versuchte, den Rest aus dem Kontext heraus zu verstehen. Ich besuchte einen Online-Kurs über KI für Geschäftsstrategien und lernte schließlich, wie man programmiert. Das Schreiben von „Hallo Welt“ in Python war für mich ein äußerst emotionaler Moment. Es bedeutete, ein altes Vorurteil loszuwerden: Ich konnte Informatik verstehen.

Die Vergangenheit hat bereits bewiesen, dass Maschinen gute Freundinnen von Frauen sind. Wenn wir dafür offen sind, bietet Technologie die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu entwickeln und unabhängiger zu werden. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, Technologie als ein zu vermeidendes Thema oder etwas zu sehen, zu dem wir einfach nicht in der Lage sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir das Mädchen sind, das Mathematik für einfach hält oder welches es vorzieht, Redakteurin zu werden. Um geschlechtsspezifische Vorurteile in allen Köpfen zu ändern, brauchen wir sowohl Geschichtenerzähler als auch Programmierer. Denn „Der Ort, um die Welt zu verbessern, liegt zuerst im eigenen Herzen, im Kopf und in den Händen und arbeitet dann von dort aus nach außen.“ (aus dem Buch „Die Kunst ein Motorrad zu warten“)

 

Mehr zum Thema KI und Frauen könnt ihr meinem Impuls-Beitrag beim Roundtable „AI and Women“ vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft entnehmen.

 

Bilder: Unsplash

 

Tina

Tina Nord ist Marketing-Expertin, Autorin und Sprecherin. Die Kommunikationswirtin beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Content Marketing. Seit 2016 erforscht Tina den Einfluss maschinellen Lernens auf Content und repräsentiert die internationale NGO & Community Women in AI (WAI) als Botschafterin in Deutschland.

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