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KI-Commerce

Ein Jahr nach Zalando: Wie wir durch einen Algorithmus ersetzt wurden und was wir daraus gelernt haben

28. Februar 2019
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Benötigte Lesezeit: 7 Minuten

“Algorithmen statt Menschen: Zalando baut bis zu 250 Marketingstellen ab” titelte die Online-Publikation Horizont am 8. März 2018 und verkündete damit der überraschten Marketing-Szene unsere Entlassung. Die Kündigung am Internationalen Frauentag kam auch für uns vollkommen unerwartet. Wir erfuhren von der Entscheidung in einem internen Meeting, welches am Abend des 7. März 2018 angekündigt wurde und den harmlosen Titel “Taking The Next Step On Our Marketing Journey” trug.

Nachdem uns das tatsächliche Ausmaß der neuen Marketingreise klar wurde, ging alles sehr schnell. Wie ein Erdrutsch zogen die Ereignisse mehrere Dinge mit in den Abgrund: unser geliebtes Content Marketing Team, bestehend aus 60 Kollegen und Freunden, unsere Karrierepläne, angesetzte Projekte und unsere angekündigte Präsentation über Sprach- und visuelle Suche auf der Konferenz “Online Marketing Rockstars” (OMR). Nichts davon hatte noch Bestand. Plötzlich war alles anders.

Der Moment der Wahrheit: Das Foto zeigt das Meeting, in dem uns die Entscheidung mitgeteilt wurde.

1. KI macht aus einer Umstrukturierung eine Sensation

Die Presse verkündete begeistert die ersten Opfer der Automatisierung durch künstliche Intelligenz und löste damit einen Ansturm von Journalisten, Fachleuten, Headhuntern und neugierigen Zuschauern auf unsere (beruflichen) Social Media Profile aus. Selbst längst vergessene Bekannte tauchten plötzlich aus der Versenkung auf und nahmen neugierig Kontakt auf. Die Ereignisse schienen die Faszination einer Massenkarambolage zu haben.

Uns war schnell klar, dass wir nicht durch Algorithmen ersetzt wurden. Zwei Wochen nach den Ereignissen bestätigte Zalando Vorstand und Gründer Robert Gentz auf dem OMR Festival in Hamburg: “Wir sind sehr langsam und sehr abstimmungsintensiv geworden, doch die Marketingwelt ist schnelllebig. Es war eine Umstrukturierung notwendig. (…) Und bei uns machen keine Maschinen Marketing, sondern Menschen.” Wir wurden also Opfer einer banalen Reorganisation gewiefter Entscheidungsträger und nicht durch hochintelligente Systeme ersetzt.

KI war folglich nicht unser Feind. Im Gegenteil, künstliche Intelligenz wurde unsere engste Freundin und der rote Faden für die kommenden Monate. Sie repräsentierte einen Teil unseres verlorenen Traumjobs, den wir mitnehmen und an dem wir uns festhalten konnten. Wir balancierten auf ihr über den Abgrund, der sich unter uns aufgetan hatte.

Grafische (Wort-)Spielereien im Zalando Fahrstuhl

2. Ein Versuch ist manchmal alles worauf es ankommt

Die spontan gewonnene Freizeit nutzten wir für zwei Weiterbildungen am MIT CSAIL und an der Code Universität Berlin. Dazu mussten wir unsere Komfortzone verlassen. Nicht nur durch den schmerzhaften Verlust des Jobs, sondern auch durch den fachlichen Schwerpunkt, den die Fortbildungen mit sich brachten.

Wir hatten uns in den letzten 14 Monaten intensiv mit Marketing Use Cases für maschinelles Lernen beschäftigt, im Speziellen mit Sprach- und visueller Suche. Wir kannten die Potenziale und Grenzen der Technologie in unserem Fachbereich. Unser Wissen verdankten wir u.a. unserem (Ex-) Arbeitgeber, der zum Teil massiv in unsere Weiterbildung investiert hatte.

Aber die Implementierung von maschinellem Lernen war nach wie vor eine Blackbox für uns. Als Marketing-Expertinnen hatten wir einen gesunden Respekt vor Algorithmen und Programmiersprachen. Nun wagten wir erstmalig die direkte Auseinandersetzung mit Data Science und Informatik. In den kommenden Monaten begleiteten uns u.a. die Programmiersprache Python, Regressions- und Korrelationsanalysen oder Robotik. An dieser Stelle geht unser Dank an die ausgezeichneten Professoren an der Code University in Berlin und am MIT.

Wir lebten die Demokratisierung der künstlichen Intelligenz: Eine Disziplin, die bis dahin einem exklusiven Kreis von Experten vorbehalten war, wurde nun der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Effekt: Mit den richtigen Ressourcen kann sich jeder mit diesem Fachbereich vertraut machen und das notwendige Wissen erwerben. Das größte Hindernis sind oft nur die eigenen Selbstzweifel.

Wir im Bällebad der Code Universität (Factory) Berlin

3. Deine Schwäche kann deine größte Stärke sein

Die Herausforderung wurde zum Antrieb für uns. Gerade weil wir fachfremd waren, erkannten wir neue Zusammenhänge, Anwendungsbereiche sowie den massiven Nachholbedarf in der Marketingwelt und den Mangel an deutschsprachigen Informationsmaterialien. Fast alle neueren Studien über maschinelles Lernen und KI waren ausschließlich auf Englisch oder Chinesisch verfügbar. Die Idee für unseren deutschsprachigen Blog war geboren. Gerade mal einen Monat nach unserer Entlassung launchten wir lernen-wie-maschinen.ai.

Unsere Mission war, ein komplexes Thema zu verstehen und für andere verständlich zu machen. Unsere Artikel sollten der Wissensweitergabe an alle dienen, die sich ebenfalls für diese boomenden Technologien begeisterten, aber keinen technologischen Hintergrund haben. Das Verfassen der Artikel war eine gute Methode, um unser erworbenes Wissen zu verarbeiten und so besser im Gedächtnis zu behalten. Schließlich mussten wir eine Abschlussarbeit am MIT einreichen. Es handelte sich also um eine Win-Win Situation.

Unsere ersten Bücher zum Thema KI

4. Der Glaube an dich selbst und ein gutes Netzwerk sind der Schlüssel zum Erfolg

Befreundete Experten bekamen Wind von unseren Fortschritten und ermutigten uns, neu gewonnenes Wissen auf Konferenzen zu teilen. Zudem stellten sie wichtige Kontakte zu Veranstaltern her.

Obwohl wir bereits erste Erfahrungen als Vortragende hatten, war die neue Situation ein anderes Kaliber. Vor hunderten Menschen auf der Bühne zu stehen, ohne einen namhaften Arbeitgeber im Hintergrund und ohne Doktor-Titel über KI zu sprechen, erfordert eine gehörige Portion Mut und Überwindung.

Oft genug begegnete man uns mit Skepsis. Zudem war unser Selbstvertrauen durch die Kündigung nicht unbedingt gewachsen. Doch uns motivierte die Überzeugung, dass wir etwas zu sagen hatten, was wichtig und relevant für das Publikum war. Wir wollten unsere Erfahrungen teilen, uns mit anderen Enthusiasten austauschen und Impulse zur Weiterbildung geben.

Schnell merkten wir, dass die meisten Zuhörer sich bisher kaum mit neuen Technologien beschäftigt hatten. Obwohl wir oft die volle Aufmerksamkeit genossen, stellte kaum jemand öffentlich Fragen. Erst wenn wir die Bühne verlassen hatten und die Mikrofone ausgeschaltet waren, kamen die Leute interessiert auf uns zu. Wir hatten den Eindruck, dass niemand seine Ahnungslosigkeit in der Öffentlichkeit zur Schau stellen wollte. Maschinelles Lernen war für viele Marketing-Experten eine Blackbox – ebenso wie für uns Monate zuvor. Unsere Eindrücke wurden bestätigt: Es gab eine massive Wissenslücke. Lernen-wie-maschinen.ai kam also genau zur richtigen Zeit.

Kathleen und Tina
Stolz wie Bolle: Unsere Abschlusszeugnisse vom MIT CSAIL

5. Du erntest was du säst

Während die Ereignisse Purzelbäume schlugen, versuchten wir unsere berufliche Zukunft neu zu definieren. Neben Fortbildungen, Content Erstellung und Vorträgen absolvierten wir Jobinterviews. Die neu gewonnene Aufmerksamkeit stellte sich dabei als Sprungbrett heraus.

Zum einen kontaktierten uns Universitäten und andere Institutionen, um uns als Sprecherinnen zu gewinnen, zum anderen weckten wir das Interesse von potentiellen Arbeitgebern. Im August 2018 starteten wir beide in neue Arbeitsverhältnisse und übernahmen jeweils die Leitung eines Marketing-Teams in Tech-Unternehmen. Das größte Kompliment machten uns außerdem zwei Studentinnen, die uns als Expertinnen für ihre Bachelorarbeiten interviewten.

Anerkannte Experten: Die erste Einladung auf einer Tech Konferenz zu sprechen, erreichte uns über unseren Blog

6. Eine Veränderung ist am Anfang schwer, in der Mitte chaotisch und am Ende ein Neuanfang.

Heute, ein Jahr nach den Ereignissen, können wir noch immer nicht fassen, was alles in den letzten zwölf Monaten passiert ist. Rückblickend durchlebten wir einen Veränderungsprozess, der sich manchmal wie eine lange, schmerzhafte Häutung anfühlte. Ähnlich wie ein altes Gewand, das verschwindet und unter dem ein neues langsam zum Vorschein kommt. Unsere Begeisterung und Leidenschaft für künstliche Intelligenz wurde zum Lebensretter und Begleiter in einer turbulenten Zeit. Gemeinsam stellten wir uns Vorurteilen, überwanden Selbstzweifel und feierten Erfolge.

Doch nichts davon wäre ohne die Unterstützung unseres Umfeldes möglich gewesen. Der Zusammenhalt, den wir mit unseren Kollegen und Freunden erlebten, war beispiellos. Mit ihnen erfuhren wir immer wieder schöne, intensive Momente, die in unserem Herzen einen besonderen Platz einnehmen. Das Glück solche Unterstützer zu haben, wünschen wir allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Es ist vielmehr ein fortlaufender Prozess mit vielen neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, den wir aktiv gestalten und genießen. Inzwischen sind wir beide stolze Mitglieder von Women in AI (Tina repräsentiert die Organisation sogar als offizielle Botschafterin für Berlin) ein weltweites Netzwerks für Frauen im Bereich künstlicher Intelligenz. Gemeinsam, ist es unsere Mission, die geschlechtsspezifische Kluft zu schließen und mehr Vielfalt in der KI-Branche sicherzustellen. Wir freuen uns darauf dieses Ziel zu unterstützen und unseren Weg weiterhin an der Seite von KI und gemeinsam mit unseren Freunden zu gehen.

Happiness is a journey.

Unser Dank geht insbesondere an:

  • Norman Nielsen – der beste Head of Content Marketing und Mentor den wir uns vorstellen können.
  • Ben Harmanus – ein Freund, Berater und Unterstützer, den wir nie wieder missen wollen.
  • Jonas Barre – das kreative Genie hinter smartvizual.com und Designer unserer Präsentationen.
  • Hermance Wadin – eine Freundin und Kollegin, ohne die mehrere Blogartikel nicht möglich gewesen wären.
  • Jörg Wukonig – unser größter Fan und Unterstützer in den sozialen Medien.
  • Maja Popovic – die sich mit uns ausführlich über maschinelle Übersetzungen ausgetauscht hat.
  • Dr. rer. nat. Joachim Krois – ein Mentor wie er im Buche steht, mit einem beeindruckenden Wissensschatz.
  • Allen Konferenzveranstaltern, denen Wissen und gute Inhalte wichtiger als große Markennamen sind. Dazu zählen Oliver und Uschi Hauser (OMX und SEOkomm), David Odenthal (Conversion Roadshow), Marek Tomaszewski (eCommerceExpo), Tobias Blick (Shopware Community Day) und viele andere.
  • Regina Gschladt – von resQ online e.U., die uns mit ihren CSS Kenntnissen unterstützt hat.
  • Allen Frauen aus der starken Community von Women in AI, mit denen wir den angeregten Austausch und Wissenstransfer schätzen.

Good bye, Zalando!

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4 Kommentare

  • Reply Regina Gschladt 1. März 2019 at 16:04

    Danke für das Danke 🙂
    Durch euch bin ich erst so richtig auf Machine-Learning aufmerksam geworden, finde ich toll!

  • Reply Ben Harmanus 4. März 2019 at 18:30

    Danke, Tina und Kathleen. Was für ein spannender Artikel. So ehrliche Insights sind im Marketing Business eher selten. Die Erwähnung ehrt mich, aber eigentlich habe ich nur zurückgeben wollen, was insbesondere Tina mir jahrelang gegeben hat: Unterstützung und Wissen.

    Ich freue mich wirklich sehr über eure Reise und verfolge die nächsten Schritte. 😉

  • Reply Ira Reckenthäler 8. Mai 2019 at 10:25

    Was für ein toller Ritt. Ich bin zufällig hier bei euch gelandet – und möchte euch spontan und aus vollem Herzen beglückwünschen. Ihr habt eine echt schwierige Situation mit so viel Verve, Nerven und Köpfchen gemeistert. Und der Beitrag zeigt, dabei habt ihr das Herz immer am rechten Fleck behalten. Beispielhaft. Ich wünsche euch auf dem weiteren Weg viel viel Glück. Und die Gewissheit, Hürden können euch nichts anhaben, sie machen euch nur stärker. Alles Liebe, Ira

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